Dunajec Valley Project

Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, Universität zu Köln, und des Archäologischen Instituts der Jagiellonen-Universität Krakau erfolgen siedlungsarchäologische Untersuchungen auf neolithischen und bronzezeitlichen Fundstellen im mittleren Bereich des kleinpolnischen Dunajectals. Ausgehend von der wichtigen Datengrundlage der archäologischen Landesaufnahme Polens (AZP: Archeologiczne Zdj?cie Polski) ist es das Ziel des Kölner bronzezeitlichen Projektteils, das Dunajectal und das umgebende Ro?nower Hügelland gesamthaft als Siedlungs- und Wirtschaftsraum in den Blick zu nehmen. Die zuletzt intensiv diskutierte Frage äußerer Einflüsse und einer potentiellen Mittlerfunktion dieses Raumes zum Karpatenbecken soll dabei vor dem Hintergrund eines besseren Verständnisses der lokalen Siedlungsgeschichte gewichtet werden.

In Hinblick auf die traditionelle Vorstellung einer Erschließung des Dunajectales durch spätbronzezeitliche Bevölkerungsgruppen der oberschlesisch-kleinpolnischen Gruppe der Lausitzer Kultur ist auf die sehr viel größere zeitliche Tiefe des Siedlungsgeschehens hinzuweisen. Dies betrifft zum einen die intensive neolithische Besiedlung des Hügellandes. Zum anderen zeigen Funde aus dem Becken von Nowy S?cz, aus der archäologischen Landesaufnahme, eigenen Begehungen und unlängst aus der Ansiedlung von Janowice im mittleren Dunajecbereich, dass analog der Situation in anderen Teilen des Karpatenvorlandes auch im gesamten Dunajectal bereits mit einer punktuellen (spät-) frühbronzezeitlichen Erschließung zu rechnen ist (Mierzanowice-Kultur). Es existierten also lange Traditionslinien und lokale Identitäten, angesichts derer die spezifische Kontaktsituation und mögliche Mittlerstellung des Vorkarpatenraumes zwischen Nord und Süd einer differenzierten Einschätzung bedarf.

Von der methodischen Vorgehensweise her erlaubt es die archäologische Landesaufnahme, großflächig und in diachroner Perspektive die Besiedlungsgeschichte des Arbeitsgebietes in den Blick zu nehmen. Dabei ist aus quellenkritischer Sicht die im Einzelfall problematische chronologische Ansprache der Fundpunkte in Rechnung zu stellen, weshalb in einem engeren Ausschnitt der Wa?-Kette des Ro?nower Hügellandes – vor allem in der Umgebung der Höhensiedlung von Janowice (AZP 106-65 Nr. 61) mit dem nördlich gelegenen Tal des Baches Lubinka und dem südlich gelegenen Becken von Zakliczyn – eine Verifikation sämtlicher AZP-Fundpunkte angestrebt wird. Die erneute Begehung erlaubt es, den Bestand datierbaren Fundmaterials zu vergrößern und die geomagnetische Prospektion trägt dazu bei, den (Siedlungs-) Charakter der Fundstellen zu etablieren. Die Höhensiedlung AZP 106-65 Nr. 61 von Janowice selbst schließlich bildet in räumlicher Hinsicht insofern den Fokus als hier großflächigere Ausgrabungen dazu dienen, die Besiedlungsdynamik dieser außergewöhnlich großen, offenen Höhensiedlung zu erfassen und für die Fundstellen der Umgebung ein verlässliches Chronologiegerüst zu erarbeiten.

Bei der Fundstelle AZP 106-65 Nr. 61 oberhalb der Ortschaft Janowice (Gemeinde Ple?na) handelt es sich um eine Höhensiedlung großer Ausdehnung in markanter Spornlage über dem Tal des Dunajec und dem südlich gelegenen Becken von Zakliczyn. Nach ersten Prospektionsarbeiten 2006 wurden hier im Sommer 2007 Ausgrabungen aufgenommen, die seitdem jährlich fortgesetzt werden und inzwischen einen guten Überblick über die bronze- und früheisenzeitliche Besiedlung der Fundstelle vermitteln. Aufgrund der bislang insgesamt sieben Grabungsschnitte und Sondagen, der Oberflächenfunde und der Ergebnisse der geomagnetischen Prospektion ist auf einer Länge von mindestens 900m des grob NW-SO verlaufenden Plateaus und im oberen südlich bzw. südwestlich exponierten Hangbereich mit den Überresten bronzezeitlicher Siedlungsaktivitäten zu rechnen. Das keramische Fundmaterial und die14C-Daten zeigen, dass mit einer Laufzeit von mehreren hundert Jahren der spätbronze- und früheisenzeitlichen Besiedlung zu rechnen ist. Bislang vereinzelt ist der Befund einer frühbronzezeitlichen Grube, während ab dem 15./14. Jh. v. Chr. von einer kontinuierlichen Besiedlung des Plateaubereichs auszugehen ist, die ihren Höhepunkt in der späten Bronzezeit und der beginnenden Eisenzeit erreichte. Weit entfernt von dem traditionellen Bild eines „zentralen Ortes“ oder gar einer Lausitzer „Burg“ mag es sich bei dieser langfristig genutzten, agrarisch geprägten Ansiedlung um einen Bezugspunkt lokaler Identität gehandelt haben, zu dem eine ganze Reihe benachbarter bronze- und früheisenzeitlicher Fundstellen im Rahmen des Projekts durch intensive Prospektion und gezielte Sondagen in einen chronologischen und funktionalen Bezug gesetzt werden sollen.

Bereits 2006 und zuletzt in zwei noch nicht abschließend ausgewerteten Prospektionskampagnen im Frühjahr 2010 und 2011 konnten auf diese Weise die meisten der bronzezeitlichen Fundstellen des genannten Bereichs zumindest durch Begehungen und oft darüber hinaus auch durch geomagnetische Prospektion untersucht werden. Einige AZP-Fundstellen liegen im Wald oder auf Obstwiesen und sind nicht zugänglich, eine Reihe weiterer am südlichen und südwestlichen Rand des Beckens von Zakliczyn werden in den nächsten Kampagnen prospektiert.

Mittels geomagnetischer Prospektion wurden dabei Fundstellen erkundet, von denen bislang oft nur in beschränkter Anzahl Oberflächenfunde bekannt waren. Ziel war es, zu klären, ob Befunde vorliegen, die auf eine bronzezeitliche Ansiedlung schließen lassen, und gegebenenfalls deren Ausdehnung und Gliederung. In aller Regel handelt es sich dabei um Siedlungsstellen, die durch von Siedlungsgruben oder seltener von Pfostenlöchern verursachte Anomalien sichtbar werden, ohne sich jedoch im Magnetogramm zu regulären Hausstrukturen fügen zu müssen. Je nach Erhaltungszustand kommt auch schwachen Anomalien Bedeutung zu, die in Verbindung mit Oberflächenfunden auf das Vorhandensein urgeschichtlicher Bodeneingriffe hinweisen. Wo immer dies aufgrund der Vegetation möglich war, erfolgte begleitend zur geomagnetischen Prospektion eine erneute systematische Begehung, um datierende Oberflächenfunde beizubringen. Aus methodischer Sicht ist dabei insbesondere das Verhältnis der neuen Keramikinventare zu den Altfunden im Rahmen der archäologischen Landesaufnahme von Interesse, das Auskunft gibt über die Effizienz unterschiedlicher Surveymethoden wie über den Erhaltungszustand der Fundstellen bzw. verstärkt ablaufende Erosionsprozesse infolge der landwirtschaftlichen Nutzung.