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Internationale Online-Konferenz vom 19.7. bis 21.7.2021

Umbruch vor dem Umbruch? Lokale Gruppen und globale Vernetzung am Übergang vom späten 4. zum frühen 3. Jahrtausend v. Chr. zwischen Nordsee und Alpenraum („The eve of destruction – Local groups and global networks during the late 4th and early 3rd millennium BC in central Europe and beyond“)
 

Organisation: Clara Drummer (Orthodrone GmbH), Renate Ebersbach (Fachbereich Feuchtbodenarchäologie, Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg), Philipp Gleich (Fachbereich Ur- und Frühgeschichtliche und Provinzialrömische Archäologie, Universität Basel), Daniela Hofmann (Departement für Archäologie, Geschichte, Kulturwissenschaften und Religion, Universität Bergen), Doris Mischka (Institut für Ur- und Frühgeschichte, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg), Silviane Scharl (Institut für Ur- und Frühgeschichte, Albertus Magnus-Universität zu Köln

 

Thema: In jüngster Zeit haben paläogenetische Forschungsergebnisse den Fokus der internationalen archäologischen Diskussion auf mögliche „massive migrations“ im 3. Jt. v. Chr. gelenkt (Allentoft u.a. 2015; Haack u.a. 2015). Im Zentrum des Interesses stehen dabei zumeist die sogenannte „Jamnaja Kultur“ und die „Schnurkeramische Kultur“, deren „Träger*innen“ als mögliche Einwanderer aus dem osteuropäischen Raum in Betracht kommen. Die großflächige Ausbreitung der genannten Kulturen wird also von genetischer Seite gern durch eine rasche und massive Einwanderungsbewegung erklärt. Auf der anderen Seite stehen meist archäologisch argumentierte Modelle, die regionale Unterschiede betonen. Selbst diese können aber meist nicht entscheiden, worauf diese Regionalität zurückzuführen ist: auf eine Kontinuität der lokalen Bevölkerung, die die Schnurkeramik mitträgt, oder eher auf einer progressiven Diversifizierung der neuen Einwanderer. Diese Unsicherheit liegt darin begründet, dass die archäologischen Phänomene kurz vor dem Auftreten der Schnurkeramik in vielen europäischen Regionen nur grob bekannt sind.

Die Einbeziehung des „Vorabends“ der Schnurkeramik ist also unabdingbar, wenn es darum geht, regionale und überregionale Modelle dieses Transformationsprozesses sinnvoll miteinander zu verbinden. Die Archäologie muss hier eine Schlüsselposition einnehmen, auch weil in vielen Regionen keine Bestattungen für die Entnahme genetischer Proben vorhanden sind.

Der Workshop möchte hier neue Impulse setzen, indem er den Blick auf aktuelle Forschungen in Mitteleuropa und darüber hinaus in der Zeit zwischen dem späten vierten und frühen dritten Jahrtausend (ca. 3200–2700 v. Chr.) richtet. Für diese Phase wurden in der archäologischen Forschung zahlreiche, eher kleinräumig verbreitete „Kulturgruppen“ wie die „Wartbergkultur“ oder die „Goldberg-III-Gruppe“, jedoch auch großräumige Phänomene wie die „Kugelamphorenkultur“ definiert. Anhand diverser Elemente der archäologischen Überlieferung werden immer wieder Abgrenzungsprobleme zwischen verschiedenen „Kulturgruppen“ bzw. deren generelle Legitimation diskutiert. Häufig lässt sich kaum feststellen, ob mehr Verbindendes oder mehr Trennendes vorliegt. Dies führt unmittelbar zu der Frage, ob sich bereits dieser Horizont als Transformationsphase auffassen lässt, welche nachfolgenden Veränderungen kontinentalen Ausmaßes in der Zeit der Becherkulturen unmittelbar vorgreift oder diese eventuell sogar erst ermöglichte.

Folgende Fragen sollen unter anderem debattiert werden: Zeichnet sich eine Intensivierung überregionaler Verbindungen ab und anhand welcher archäologischen Quellengattungen lässt sich diese empirisch nachvollziehen? Zeigen sie sich in der materiellen Kultur, in der Wirtschaftsweise, in Siedlungsweise und Architektur oder/und im Hinblick auf Rohstoffaustausch? Lassen sich lokale Gruppen mit starker überregionaler Vernetzung adäquat mittels des archäologischen Kulturkonzeptes diskutieren, oder werden Alternativen benötigt („Innovationsraum“, „Netzwerk“ usw.)? Welche sozialen Strukturen und Veränderungen lassen sich in den verschiedenen Regionen fassen und sind diese miteinander vergleichbar? Und wie wahrscheinlich ist jeweils die von genetischer Seite argumentierte Idee einer weitgehenden Entvölkerung ganzer Landstriche durch eine Vorform der Pest?

Ausgehend von aktuellen Forschungsergebnissen will die Tagung einen ersten Beitrag zu einem ganzheitlichen Verständnis der Transformationsprozesse im ausgehenden 4. und im 3. Jahrtausend v. Chr. leisten.

Allentoft u.a. 2015: M. Alltentoft u.a., Population Genomics of Bronze Age Eurasia. Nature 522, 2015, 167–172.
Haack u.a. 2015: W. Haack u. a., Massive Migration from the Steppe Was a Source for Indo-European Languages in Europe. Nature 522, 2015, 207–211

 

Programm: Die Vorträge sind so ausgewählt, dass eine räumliche Brücke zwischen Dänemark und der Schweiz sowie von den Niederlanden bis nach Polen geschlagen wird. Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen lokalen Gruppen und überregional verbreiteten Merkmalen aufzuzeigen. Im Vordergrund stehen die archäologischen Erkenntnisse, die hier zum ersten Mal in neuerer Zeit zusammengetragen werden. Am Ende soll ein erster Beitrag zu einem ganzheitlichen Verständnis der Transformationsprozesse im ausgehenden 4. und im 3. Jahrtausend v. Chr. geleistet werden.

Konferenzsprache ist Englisch.

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24.06.2021 | Online-Conference